Als das Päckchen mit der Ausrüstung des Deutschen Leichtathletik-Verbands (DLV) ankam, gab es keinen Zweifel mehr: Rico Schwarz (ASV Erfurt) wird bei der Team-Europameisterschaft in Stockholm (Schweden; 18. und 19. Juni) für Deutschland über 3.000 Meter auf Punktejagd gehen. Nach internationalen Einsätzen in der Jugend und bei den Junioren hat der 23-Jährige erstmals bei den Aktiven den Sprung in die DLV-Auswahl geschafft.
Den Einsatz im Nationaltrikot hat Rico Schwarz einem fulminanten Lauf beim Anhalt-Meeting in Dessau zu verdanken. Dort rollte er zwei Runden vor Schluss das Feld von hinten auf und setzte sich mit 7:58,58 Minuten an die Spitze der deutschen Jahresbestenliste. Ab diesem Zeitpunkt durfte er mit einer Nominierung für die Team-EM liebäugeln. „Das Gefühl ist noch ein bisschen ungewohnt“, gibt er zu. Eigentlich sei ein Start in der schwedischen Hauptstadt gar nicht Teil seiner Saisonplanung gewesen. Vielmehr stand am vergangenen Wochenende in Göteborg (Schweden) der erste Auftritt über 5.000 Meter auf dem Programm. Der wurde für die Vorbereitung auf die Team-EM kurzerhand gestrichen.
Dass der Erfurter der nationalen Konkurrenz einmal die Hacken zeigen würde, war nicht unbedingt abzusehen. Damit er nicht auf dumme Gedanken kommt, schickte ihn seine Mutter im Alter von 11 Jahren zur Leichtathletik. Dort fiel er zunächst nicht durch großes Talent auf: „Ich konnte nicht wirklich laufen, sprinten oder springen“, erinnert er sich lachend. Erst als ohne größeren Aufwand die Bestzeiten über die Mittelstrecken purzelten, war der Ehrgeiz geweckt. Im Alter von 15 Jahren bewarb sich Rico Schwarz beim Sportgymnasium Erfurt – und rasselte prompt zweimal durch die Aufnahmeprüfung. Doch der junge Läufer bewies Kampfgeist. Er schloss sich am Nachmittag dem Training der Eliteschüler an und machte so große Fortschritte, dass er ein Jahr später automatisch am Sportgymnasium aufgenommen wurde. „Niederlagen motivieren mich“, erklärt er. „Wenn ich verliere, werde ich richtig sauer und will mir beweisen, dass ich es doch kann.“
Unterstützung erhielt Rico Schwarz damals von Andreas Möckel, der das Lauftraining am Gymnasium leitete. Er betreut den 23-Jährigen auch heute noch. Gemeinsam feierten sie die ersten Erfolge: Nationale Titel und Podestplatzierungen über 3.000, 5.000 und 10.000 Meter im Jugend- und Juniorenalter sowie Platz 5 über 5.000 Meter bei der U23-EM in Kaunas (Litauen). Der bisherige Höhepunkt: der Titel bei der Deutschen Crosslauf-Meisterschaft 2011. „Mein Trainer und ich haben einen langen Weg der Erziehung hinter uns“, erklärt Rico Schwarz und gesteht, dass er nicht immer der disziplinierteste Athlet gewesen sei. Andreas Möckel habe ihm ein Training im Schongang nicht durchgehen lassen und ihn Schritt für Schritt an eine Karriere im Profisport herangeführt.
Seine professionelle Einstellung zeigt sich mittlerweile an vielen Stellen: Seit einem Jahr informiert der Läufer seine Fans in einem Blog über Training und Wettkämpfe. Er nutzt die Webseite zur Selbstvermarktung und kümmert sich mit Unterstützung seines Managers André Thomson um Sponsorenverträge. „Ich rede einfach viel mit Leuten“, erklärt er. Damit seine Zukunft auch nach der Sportkarriere gesichert ist, absolviert Rico Schwarz außerdem eine Ausbildung zum Polizeimeister bei der Thüringer Sportfördergruppe. Dort hat er optimale Bedingungen für den Leistungssport, ist in den Sommermonaten für die Wettkämpfe freigestellt.
Der nächster Wettkampf findet am kommenden Sonntag um 15:57 Uhr statt. Dann kämpft Rico Schwarz über 3.000 Meter um wertvolle Punkte für die deutsche Mannschaft. Er sieht sich in der Rolle des Außenseiters und erwartet ein taktisches Rennen, das eher Mittelstrecklern zugute kommt. Mit seiner guten Form und seinem Gespür für die richtigen Entscheidungen im Rennverlauf braucht sich der Erfurter aber keineswegs zu verstecken. DieVergangenheit hat gezeigt: Rico Schwarz gibt sich nicht so leicht geschlagen.
von Silke Bernhart